|
Nach der russischen Besetzung des Ortes 1945 errichtete die Besatzungsmacht an der Straße nach Allendorf auf dem Wasefeld einen Schlagbaum, doch die Kontrollen wurden human gehandhabt. Als Stützpunkt diente den Russen zunächst das Café "Werratal", zwangsweise requiriert und dann das Wohnhaus Reccius, bis zu ihrem Abzug. Nach Enteignung der Güter, welche den größten Teil der Flur besaßen, teilten die neuen Machthaber im Zuge der Bodenreform die Flächen und den Besitz an Kleinbauern, ehemalige Landarbeiter des Dorfes und Neubauern auf. Durch die Aufnahme einer großen Zahl von Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten stieg die Einwohnerzahl von Wahlhausen 1946 auf 476 - Wohnraum wurde knapp. Viele Alteingesessene mußten in ihren Häusern Zimmer für die neuen Mitbürger zur Verfügung stellen, die Wirtschafts- gebäude der Güter wurden sogar zu Wohnungen. Die
durchlässige Grenze weitete sich für das System in der DDR zu
einem bestandsgefährdenden Problem aus, jeder wollte Westmark mit
ihrer Kaufkraf. Einige Schlagworte daraus: Spione, Terroristen und Schmuggler an der Demarkationslinie ........das Ministerium für Staatssicherheit wird beauftragt unverzüglich strenge Maßnahmen für die verstärkte Bewachung zu treffen...!
Am 24.07.1952 gründeten 14 Betriebe im Ort, davon 12 Neubauern, die zweite LPG im Kreis Heiligenstadt mit 70 ha Nutzfläche und dem Namen ,,Wilhelm Pieck". Einige Auszüge dazu aus dem Protokoll der SED-Kreisleitung: ,,...parteimäßig
waren in Wahlhausen bereits bessere Voraussetzungen vorhanden. Unter den
Mitgliedern befinden sich je 5 Genossen der SED sowie der DBD (Bauernpartei).
Insgesamt sind 13 Genossen im Dorf ansässig. Weiter wurde beschlossen, die Kampfbereitschaft und den Aufbauwillen damit zu dokumentieren, daß man täglich mit einem Kampflied zur Arbeit ausmarschiert Seit 1949 befand sich eine Einheit der Grenzpolizei (der späteren Grenztruppen der DDR) im Ort. Für sie wurden vor dem Dorf zwischen Straße und Bach zwei Baracken errichtet. 1965 erfolgte ein massiver Neubau hinter dem Friedhof und der Umzug dorthin. Trotz der ,,diffizilen Aufgaben" der Soldaten herrschte überwiegend ein gutes Verhältnis zwischen ihnen und der Dorfbevölkerung. Die von der DDR praktizierte kommunale Verwaltung sah in jedem Dorf, selbst unter 100 Einwohnern, einen hauptamtlichen Bürgermeister - im Grenzgebiet nur mit SED-Parteibuch - sowie eine Sachbearbeiterin vor. So gehörte zu den ständigen Aufgaben des Grenzortbürgermeisters auch die monatliche ,,Sicherheitsberatung" mit dem Kompaniechef der Grenztruppen, dem Ortspolizist und dem Parteisekretär, die Durchführung von etwa halbjährlichen Einwohnerforen mit ideologischer Berieselung und manchmal vorgedruckten, an ausgewählte Personen verteilte Fragen, Auswertung der Teilnahme und Disziplinierung von ständigen Verweigerern mit Nichterteilung von Passierscheinen für Besuche der Verwandtschaft sowie Verfassen von Stimmungsberichten und Meldung von ,,Fehlverhalten" der Bürger an kreisliche Stellen. Die Dörfer in direkter Grenznähe, wie Wahlhausen, litten besonders unter der von der Partei verfolgten Politik. Unter dem Motto ,,Nahtstelle zwischen zwei Weltsystemen" zählte ein kleiner Ort nicht viel. So gab es in den 60er und 70er Jahren Bestrebungen, die ,,vorderste Linie" zu entvölkern. Nur noch zur landwirtschaftlichen Arbeit sollten die benötigten Kräfte antransportiert werden. Unter diesem Gesichtspunkt sind auch die Nichterteilungen von Zuzugsgenehmigungen bzw. langwierig erschwerte zu sehen, sowie das Verbot von Wohnungsneubauten, welches erst 1980 aufgehoben wurde. Das durchgeführte Exempel einer Dorfauslöschung ist am Beispiel von Billmuthshausen bei Hildburghausen in dem Buch ,,Das verurteilte Dorf" nachzulesen. Dort fielen die letzten Gebäude 1978. Auch wenn es uns nie bewußt war, diese Gefahr der Ausradierung hat für Wahlhausen zeitweise ebenfalls bestanden.
An den Geschehnissen während der Wende 1989 nahmen unsere Bürger aktiv Anteil. Bei den Montags-Demonstrationen in Heiligenstadt waren einige schon Ende Oktober vertreten und bei der nächsten am 06. November forderte ein Wahlhäuser vor etwa 25.000 Teilnehmern die Abschaffung des Grenzgebietes, unterstützt von einer Unterschriftsliste, welche 263 Bürger aus Lindewerra, Asbach und Wahlhausen abgezeichnet hatten. "Morgen früh um sechs Uhr wird Wahlhausen aufgemacht " An diesem bitterkalten Novembermorgen zogen tausende Menschen an den Grenzzaun auf der Wahlhäuser Seite, um diesen langersehnten -manchmal schon unmöglich scheinenden Augenblick mitzuerleben. Ehemalige Allendorfer, welche jetzt in der ganzen Bundesrepublik verstreut leben, ließen es sich nicht nehmen aus Frankfurt, Hamburg, Köln oder sonst woher anzureisen. Als die Wahlhäuser Musikkapelle ,,Höheberg-Musikanten" den Choral ,,Ich bete an die Macht der Liebe" anstimmte, löste sich bei vielen Menschen eine jahrelang angestaute Beklemmung in Tränen der Rührung. Keiner, der an diesem 18. November 1989 dabei war, wird diese Eindrücke bis ans Lebensende vergessen. Ein nicht endendwollender Menschenstrom strebte nach Wahlhausen, erstmals bestand die Möglichkeit einen Blick in die ,, Baustelle" Wahlhäuser Kirche zu werfen Das Erschrecken unserer Allendorfer Nachbarn beließ es nicht bei Worten. Unsere Bürgerinitiative, welche sich zur Erhaltung und Renovierung des Bauwerkes gebildet hatte, wurde großzügig mit Geldspenden und Beratung unterstützt. Einige traten dieser Initiative sogar bei. Alte
Freundschaften wurden frisch belebt, neue geschlossen. Viele Wahlhäuser
bekamen durch diese Freundschaften bereitwillig Hilfe bei der Schaffung
neuer Existenzen und bei der Arbeitsstellensuche. Am 6. Mai 1990 wurden, in der seit 57 Jahren ersten demokratischen Wahl, folgende Bürger in die Gemeindevertretung gewählt:
Günter Gastrock-Mey Günter Seiler, Am 06.Juni 1990 erfolgte von der Gemeindevertretung die Wahl von Horst Zbierski zum Bürgermeister. Die Möglichkeit des Selbstgestaltens ihres Gemeinwesens nutzten die Wahlhäuser seit der politischen Wende und bauten die verhaßten Überreste der Grenzanlagen in Ortsnähe größtenteils selbst ab, rekultivierten die Uferzonen der Werra teilweise wieder und schafften mit der Renovierung der kulturhistorisch wertvollen Kirche einen überregionalen touristischen Anlaufpunkt. Durch die örtlichen ABM-Kräfte wurden Bürgersteige angelegt und noch manches zur Dorfverschönerung geleistet. Nachdem
bereits 1985 der Bau einer zentralen Wasserversorgung erfolgte, konnte
im November 1990 Wahlhausen als erster Ort der neuen Bundesländer
an das Erdgasnetz angeschlossen werden. Im Sommer 1992 wurde ein langersehnter
Wunsch vieler Einwohner, mit Anschluß an das Allendorfer Telefonnetz
und Kabelfernsehen, wahr. |